{"id":1641,"date":"2021-11-17T01:35:49","date_gmt":"2021-11-17T01:35:49","guid":{"rendered":"https:\/\/fkg-css.ch\/?p=1641"},"modified":"2021-11-17T01:35:50","modified_gmt":"2021-11-17T01:35:50","slug":"gesundheitsberufe-am-ende-oder-neue-startloecher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fkg-css.ch\/de\/aktuelles\/gesundheitsberufe-am-ende-oder-neue-startloecher\/","title":{"rendered":"Gesundheitsberufe am Ende oder neue Startl\u00f6cher?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gesundheitsfachleute mit Bachelorabschluss k\u00f6nnen immer mehr und \u00fcbernehmen immer mehr Verantwortung in der komplexer werdenden Versorgung. Ihr Status bleibt aber gleich: schlecht bezahlt und mit wenig autonomem Handlungsspielraum ausgestattet. Dieser wird durch den Fachkr\u00e4ftemangel, die \u00d6konomisierung und Digitalisierung im Gesundheitswesen zus\u00e4tzlich bedr\u00e4ngt. Was tragen die Gesundheitsberufe selbst zu dieser Situation bei? Wie k\u00f6nnen sie diesen Perspektiven begegnen und was ist die Verantwortung der Fachhochschulen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Lesen Sie Analyse, Fragen und Antworten dazu im Artikel \u00abDas Ende der Gesundheitsberufe im industrialisierten Gesundheitswesen?\u00bb von Beat Sottas.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Das Ende der Gesundheitsberufe im industrialisierten Gesundheitswesen?\u00a0<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beat Sottas&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Evidenzbasiertes Arbeiten und lebenslanges Lernen ist in den Gesundheitsberufen selbstverst\u00e4ndlich, um die Fachkompetenz stetig zu erweitern, Verantwortung zu \u00fcbernehmen und um Patient*innen wirksamer zu betreuen. Viele Vertreter*innen aus den Gesundheitsberufen stellen allerdings frustriert fest, dass das K\u00f6nnen, das Berufsethos und die Mehrwerte f\u00fcr die Gesellschaft zu wenig Anerkennung finden.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>In der Schweiz ist &#8211; anders als in Deutschland &#8211; die Akademisierung und Integration in die Arbeitswelt in den letzten 15 Jahren in vielerlei Hinsicht ziemlich unaufgeregt und erfolgreich verlaufen ist. Allerdings darf nicht \u00fcbersehen werden, dass auf globaler Ebene Prozesse laufen, die \u2013 hart auf den Punkt gebracht \u2013 viele Gesundheitsfachpersonen und insbesondere die Berufe \u00fcberfl\u00fcssig machen. Im Beitrag wird argumentiert, dass zwar das zunehmende K\u00f6nnen begehrt bleibt, dass aber das industrialisierte Gesundheitswesen letztlich keine Professionen braucht. Was z\u00e4hlt, ist der passende Funktionszuschnitt in einer arbeitsteiligen Produktions- und Wertsch\u00f6pfungskette. Oder kurz: es braucht das Profil, aber nicht die Profession. Potenziale zur Mitgestaltung gibt es bei der Umsetzung der kommenden Digitalisierung.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Gesundheitsberufe \u2013 Professionalisierung ohne Happy End&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie in anderen Gesundheitsberufen drehen sich im deutschen Sprachraum viele Diskussionen um Fragen der Professionalisierung. Damit wird auch der Wunsch nach Emanzipation verbunden \u2013 das Wegkommen von \u201eHilfsberufen\u201c scheint durch die steigende Kompetenz beim evidenzbasierten <em>clinical reasoning <\/em>hinreichend gerechtfertigt. Es ist deshalb f\u00fcr hochqualifizierte und spezialisierte Fachpersonen nicht einsehbar, weshalb sie untergeordnet auf \u00e4rztliche Weisung arbeiten sollen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Einfordern einer Anerkennung als Profession kann der Blick in die Geschichte kl\u00e4rend sein. Der Begriff Profession bezieht sich n\u00e4mlich auf \u201eliberale (M\u00e4nner-)Berufe\u201c des 19. Jahrhunderts: Anw\u00e4lte, Architekten, Notare, Kaufleute, Ingenieure, \u00c4rzte, Veterin\u00e4re. In Verb\u00e4nden mit Zugangsbeschr\u00e4nkung wurden Voraussetzungen, Rechte und Pflichten in \u201eStandesregeln\u201c gefasst. Diese Selbstregulierung hatten mehrere Funktionen: sie legte f\u00fcr die Mitglieder die Prinzipien guter Praxis verbindlich fest und formte eine Berufsidentit\u00e4t, und sie trug zur Wahrung der wirtschaftlichen Interessen bei. Dadurch stiegen das Ansehen und die Honorare.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die aktuellen Rahmenbedingungen erlauben eine solche soziologische Festigung einer Profession nicht mehr. Selbst wenn sich alle Berufsverb\u00e4nde \u00e4hnlich der FMH zu einem einzigen nationalen Dachverband zusammenschlie\u00dfen w\u00fcrden, k\u00f6nnten sie ihren Handlungsspielraum nicht erweitern und ihre wirtschaftlichen Interessen nicht durchsetzen, weil das Feld ringsherum durch Gesetze und Verordnungen verregelt und verriegelt ist. Dabei kommt in der schweizerischen Rechtsetzung den mitbetroffenen Verb\u00e4nden in der Vernehmlassung eine Schl\u00fcsselrolle zu \u2013 f\u00fcr das Bestehende gibt es Besitzstandswahrung und die Etablierten haben kein Interesse am Erstarken weiterer Berufsgruppen. Die jahrelangen Querelen um die Pflege-Initiative und ihre Vorl\u00e4ufer zeigen dies eindr\u00fccklich. \u00dcber alles gesehen kann deshalb trotz steigender Akzeptanz und Integration in die Gesundheitswirtschaft nicht davon gesprochen werden, dass die fortschreitende Qualifizierung der Gesundheitsberufe diese zu Professionen im sozio-professionellen Sinn werden l\u00e4sst. Professionalisierung und Professionalit\u00e4t k\u00f6nnen sich daher nur auf die Fachlichkeit und Expertise beziehen, nicht auf den Status. Dennoch wird der Anspruch, eine Profession zu werden, im Zusammenhang v.a. in Deutschland mit der Akademi-sierung intensiv diskutiert und eingefordert (u.a. Pundt et al. 2006; Walkenhorst 2011; Robert Bosch Stiftung 2013; Kaufhold et al. 2014; Pundt und K\u00e4lble 2015; Weyland und Reiber 2017, H\u00f6ppner und Richter 2018).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Mehrwerte und Bedarfe sprechen f\u00fcr Bachelors&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Verbreitet ist die Meinung, die Absolvent*innen nach Hochschulabschl\u00fcssen vom Patienten weggehen und in Leitungsaufgaben, in den Bildungsbereich oder in die Forschung wechseln. In Deutschland hat die VAMOS-Studie in NRW alle Absolvent*innen der akademisierten Gesundheits-Studieng\u00e4nge an den Fachhochschulen des gr\u00f6ssten Bundeslandes und auch die Arbeitgeber befragt. Dabei wurde deutlich belegt, dass Hochschulabsolvierende die mehrfach verl\u00e4ngerte \u201eModellklausel\u201c nicht verdienen, weil sie effektiv Kompetenzen erwerben, um fach- und sachgerecht mit chronischen, komplexen und instabilen Krankheitsverl\u00e4ufen sowie Multimorbidit\u00e4t umzugehen. Zudem eignen sie sich f\u00fcr Versorgungsaufgaben an den kritischen Schnittstellen \u00fcber Professions- und Systemgrenzen hinweg. Sie sind in der Lage, Aufgaben insb. im Bereich Beratung, interprofessionelle Zusammenarbeit, Projektarbeit, Recherche, Konzeptentwicklung und Expertent\u00e4tigkeiten zu \u00fcbernehmen, die \u00fcber das hinausgehen, was andere Fachpersonen im Betrieb k\u00f6nnen. Auch die Arbeitsgeber*innen erkennen in der Praxis klare Mehrwerte der Akademisierung. Die an der Hochschule erworbenen und gest\u00e4rkten Kompetenzen f\u00fchren damit zu einer Leistungsf\u00e4higkeit, die sich zumeist positiv abhebt von den an Berufsschulen ausgebildeten Kolleg*innen (Dieterich et al. 2019: XIII; 185ff.) \u2013 allerdings sind diese in Deutschland auf SekII-Stufe angesiedelt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Fachpersonen m\u00fcssen sich in der Praxis auf weitreichende Ver\u00e4nderungen und deutlich gestiegene Anforderungen einstellen: eine alternde Gesellschaft, chronisch-degenerative Erkrankungen in allen Generationen, Reha ohne Wiederherstellungsaussicht, neue Interventionstechniken, Digitalisierung, die Erwartungen und Forderungen m\u00fcndiger B\u00fcrger, Nutzen-, Outcome- und Wirtschaftlichkeitsmessungen, Anbieterwettbewerb etc. In der Schweiz nehmen die Berufsbildung und die Rahmenlehrpl\u00e4ne dies kaum auf, und auch die neu formulierten Abschlusskompetenzen der FH-Berufe wirken zu statisch. Sie nehmen prim\u00e4r die Fachlichkeit und die Qualit\u00e4t der therapeutischen Beziehung in den Blick, aber nicht die Entwicklungsdynamik und die zur Disruption neigenden Rahmenbedingen des Gesundheitssystems.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weltweit wird die Anhebung auf hochschulische Ausbildung mit erweiterten Kompetenzen als eine der notwendigen Ma\u00dfnahmen zur Bew\u00e4ltigung dieser Herausforderungen und der steigenden Komplexit\u00e4t gesehen \u2013 wie vor hundert Jahren in der Medizin. So gesehen war nach der Jahrtausendwende der Schritt in die Akademisierung der Gesundheitsberufe eine richtige strategische Massnahme f\u00fcr die Steigerung der Versorgungsqualit\u00e4t in der Schweiz.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Industrialisierung der Gesundheitsversorgung schw\u00e4cht die Berufe&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Gesundheitssektor ist der Personalmangel seit langem ein Problem. W\u00e4hrend Jahrzehnten haben sich Personall\u00fccken nach dem \u201eSystem Durchlauferhitzer\u201c immer wieder f\u00fcllen lassen, weil Frischdiplomierte nachr\u00fcckten. Das funktioniert nun aus verschiedenen Gr\u00fcnden nicht mehr. Weil\u2026&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\uf0b7 die Baby-Boomer-Jahrg\u00e4nge in Rente gehen, gibt es eine Pensionierungswelle;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\uf0b7 die \u201ePillenknick\u201c-Generation weniger Kinder und Enkel haben, nimmt die Zahl der Schulabg\u00e4nger ab \u2013 die Pensionierungen k\u00f6nnen mengenm\u00e4\u00dfig gar nicht kompensiert werden;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\uf0b7 die Feminisierung des Gesundheitswesens mehr Teilzeitarbeit mit sich bringt und die Workforce dadurch abnimmt;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\uf0b7 die Gesundheitsversorgung stark ausdifferenziert ist, w\u00e4chst der Personalbedarf doppelt so stark wie in den anderen Wirtschaftszweigen: pro Patient sind oft 20 Personen in pr\u00e4ventive, beratende, edukative, diagnostische, therapeutische, pflegerische, rehabilitative und palliative Leistungen involviert, unterst\u00fctzt durch technischen und logistischen Support, betriebswirtschaftliche und organisatorische Funktionen, aber auch durch Qualit\u00e4tssicherung und Outcome-Evaluation;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\uf0b7 Professionals \u00fcber ihren Job und die Verh\u00e4ltnisse klagen, setzt eine Negativspirale mit Attraktivit\u00e4tsverlust und Reputationsschaden ein. Diplomierte, die schon gar nicht erst in den Beruf einsteigen wollen, und eine kurze Berufsverweildauer sind Folgen davon.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Gemengelage f\u00fchrt dazu, dass sowohl \u00e4ltere als auch j\u00fcngere Arbeitskr\u00e4fte zunehmend knapp werden. Fehlende Arbeitskr\u00e4fte sind f\u00fcr die Gesundheitswirtschaft ein Risiko, aber auch eine Chance. Im Folgenden wird dargelegt, was aktuell abl\u00e4uft und wie das die Gesundheitsberufe schw\u00e4cht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn in der Boombranche Gesundheit die Betriebe mit viel weniger Personal auskommen m\u00fcssen, gibt es zwangsl\u00e4ufig einen Um- und R\u00fcckbau von Strukturen und Prozessen mit weitreichenden Verwerfungen und Transformationen. Das Management, das den Betrieb sicherstellen muss, hat keine andere Wahl, als Mittel zur Substitution von Personal und zur Effizienzsteigerung zu entwickeln. Der hohe Druck f\u00fchrt zu \u201edisruptiven Innovationen\u201c, also Ans\u00e4tzen, die konventionelle Wege verlassen und grunds\u00e4tzlich Neues probieren. Zum einen lassen sich Verfahren aus der Industrie \u00fcbertragen, zum anderen verspricht die Digitalisierung L\u00f6sungen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Beitrag \u201eIndustrialisierung der Medizin?\u201c zeichnete K\u00fchn (1998) nach, wie in den USA in den 1990er-Jahren die Medizin zum Kommerz geworden ist. \u00c4hnlich wie bei McDonalds wurden Abl\u00e4ufe, Produkte und Dienstleistungen, aber auch Einkauf und Marketing vereinheitlicht und dann in identisch konzipierten Einrichtungen im ganzen Land ausgerollt. Das Management, das nicht aus dem Gesundheitssektor stammte, konnte durch Ressourcenzuteilung, gezielte Anreize und spezifische H\u00fcrden bestimmte Prozess- und Zeitvorgaben, Behandlungsrichtlinien oder kosteneffektive Interventionsoptionen durchsetzen und durch eine solche Industrialisierung hohe Renditen erzielen. Im deutschen Sprachraum l\u00e4uft ein \u00e4hnlicher Prozess. Und wegen der Versorgungspflicht k\u00f6nnen sich die Manager der Gesundheitswirtschaft erst noch als Garanten eines funktionierenden Gesundheitssystems positionieren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Digitalisierung als Wundermittel&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein weiterer Bruch entsteht durch digitale Transformation \u2013 im Gesundheitswesen verspricht sie L\u00f6sungen f\u00fcr viele Probleme: Personalmangel, ungen\u00fcgende Effizienz, Redundanzen, verstreute Daten, Kosten \u2013 aber auch f\u00fcr positiv konnotierte Anliegen wie Teilhabe, Transparenz, Mitgestaltung, Patientensicherheit, Nutzerfreundlichkeit etc. Aus gesundheitswirtschaftlicher Sicht erm\u00f6glicht Digitalisierung in erster Linie ein Re-Engineering der Wertsch\u00f6pfungskette. Wenn Personal knapp und eh rund 70 % der Kosten Personalaufw\u00e4nde sind, liegt der Griff zu Substitutionsl\u00f6sungen nahe \u2013 <em>Cure <\/em>und <em>Care <\/em>immer mehr nach der Logik industrieller Produktionsprozesse organisiert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Klar ist heute, dass alle T\u00e4tigkeiten, die sich in einem Prozess beschreiben und in Ablaufschritten formalisieren lassen von der Digitalisierung erfasst werden k\u00f6nnen. Die digitale Transformation kann also Hand- und Kopfarbeit im Gesundheitswesen ersetzen. Die Entwicklung wird als dreistufiger Prozess gesehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\uf0b7 In einer ersten Phase geht es um Erg\u00e4nzung der Sinne und Erweiterung der menschlichen Intelligenz durch Assistenzsysteme, die uns das Leben und die Arbeit erleichtern \u2013 das kennen wir vom Autofahren, von Staubsaugern oder Rasenm\u00e4hern, von Fehlermeldungen oder von ausgekl\u00fcgelter Sensorik und Logistik im Klinikalltag.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\uf0b7 Die zweite Stufe besteht aus intelligenter Automatisierung. Bei diesem <em>machine learning <\/em>k\u00f6nnen Computer bestimmte Muster interpretieren und Abl\u00e4ufe selbst optimieren, z. B. bei Schachpartien, Aktienkursen oder Finanzdaten, Fahrplanausk\u00fcnften, Dokumentenanalysen, \u00dcbersetzungen, Laborwerten, Evidenzvergleichen, oder auch bei Gesichtserkennung und Routineoperationen etc. Im Arbeitsalltag von Gesundheitsfachpersonen werden hier die gr\u00f6\u00dften Ver\u00e4nderungen eintreten. Dabei kommt es zu einem f\u00fcr Fachpersonen schmerzhaften \u00dcbergang von evidenzbasierten (aber individuell gestaltbaren) Therapien zu algorithmusbasierten Therapien \u2013 die sich selbst optimierende \u201eallwissende\u201c Maschine \u00fcberpr\u00fcft und korrigiert ggf. das, was Menschen machen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\uf0b7 Die dritte Stufe wird oft als adaptive Intelligenz beschrieben. Dabei eignen sich Maschinen autonom F\u00e4higkeiten an, um komplexe Aufgaben selbstst\u00e4ndig zu l\u00f6sen und Denkr\u00e4ume weiterzuentwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auffallend an der Debatte \u00fcber die digitale Transformation im Gesundheitswesen ist, dass die Risiken seltener thematisiert werden als die Chancen und Opportunit\u00e4ten. K\u00fcnstliche Intelligenz wird meist als \u00f6konomische Notwendigkeit oder als technologischer Vorteil dargestellt. Einerseits wird ins Feld gef\u00fchrt, dass neue Anwendungen, neue Ger\u00e4te, neue IT-Applikationen, neue Algorithmen etc. die Produktions- und Personalkosten senken, Daten wirkungsvoller verkn\u00fcpfen sowie Sicherheit und Nutzen verbessern. Anderseits wird als Chance verk\u00fcndet, dass Health-Professionals dann wieder mehr Zeit haben werden f\u00fcr die Patienten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Deprofessionalisierung statt mehr Zeit f\u00fcr Patient*innen&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In ihrem Buch <em>The Future of Professions <\/em>haben Susskind &amp; Susskind (2015) dargestellt, wie zwiesp\u00e4ltig die digitale Transformation ist. Einerseits schafft sie uns viele Annehmlichkeiten und Vereinfachungen und macht uns leistungsf\u00e4higer, was ma\u00dfgeblich zu ihrer Akzeptanz beitr\u00e4gt. Die Kehrseite davon ist, dass dieser Gew\u00f6hnungsprozess mit einem langsamen Ersetzen von Fachpersonen durch intelligente Maschinen in einen radikalen Umbau unserer Lebenswelt m\u00fcndet, bei dem wir viele Rollen, Abl\u00e4ufe und Arbeitsstile des 20. Jahrhunderts gar nicht mehr brauchen oder wollen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viele Fachpersonen im Gesundheitswesen erleben den digitalen Wandel mehr oder weniger passiv als Gefahr f\u00fcr die therapeutische Beziehung und die Versorgungsqualit\u00e4t. Sie sehen, dass neue Vorgaben zur Ablaufgestaltung, Dokumentation, Qualit\u00e4tssicherung oder Abrechnung den Alltag umorganisieren und die Aufmerksamkeit von der Kernaufgabe weglenken \u2013 kostbare Therapiezeit geht zugunsten von Hilfsarbeiten f\u00fcr das Management verloren. Mehr und mehr ist es nicht immer der Mensch, der frei entscheidet. Immer \u00f6fter ist es ein wenig greifbares Zusammenwirken von Menschen und intelligenten Systemen, welches in der arbeitsteiligen Produktions- und Wertsch\u00f6pfungskette unser Handeln bestimmt und z. B. Aufgaben individuell nach Eignung und erwartetem Mehrwert zuschneidet \u2013 oder auch ineffiziente oder ineffektive Professionals aussortiert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die gef\u00fchlte Ohnmacht ruft bei vielen Gesundheitsfachpersonen nach Widerspruch. Tief verankert ist die Vorstellung, dass die Versorgung von (kranken) Menschen nicht substituierbar ist, weil dies Empathie, Beziehungsarbeit, Dialog und Reflexion erfordert. Zwar kann die Digitalisierung vieles ersetzen &#8211; aber sie wird nicht das Zuh\u00f6ren, Fragenstellen, Abw\u00e4gen, Beraten und Entscheiden in Ungewissheit abnehmen. Das Kreative und das Soziale bleiben daher noch lange menschliche F\u00e4higkeiten. Dennoch: Die fortschreitende Industrialisierung und Digitalisierung erf\u00fcllt durch Effizienzsteigerung prim\u00e4r die Erwartungen der Gesundheitswirtschaft. F\u00fcr die Erwartungen der Fachpersonen nach mehr Autonomie und Selbstbestimmung bleibt sehr wenig Spielraum. Manager k\u00f6nnen die im Selbstverst\u00e4ndnis der Gesundheitsfachpersonen tief verankerte Selbstbestimmung zumeist ignorieren. Gerne verweisen sie daf\u00fcr auf den Zeitgewinn f\u00fcr die bessere Betreuung der Patienten. Dieses Versprechen k\u00f6nnte sich allerdings als Scheinargument und K\u00f6der erweisen. Es w\u00e4re naiv zu glauben, dass sich in gestrafften Prozessen Komfortzonen und Polster mit Zeitreserven etablieren k\u00f6nnen. Die Arbeitgeber und Prozessverantwortlichen werden genau hinschauen, wof\u00fcr die teuren Menschen eingesetzt werden. Wenn dereinst Maschinen alles Repetitive \u00fcbernehmen, Algorithmen unsere Entscheidungen sowie die Qualit\u00e4t unserer Leistungen pr\u00fcfen und uns menschenf\u00f6rmige Roboter umgeben (oder sich um uns k\u00fcmmern), gibt es freie Valenzen bei den Fachpersonen \u2013 deren Zeit kann dann f\u00fcr personalisierte Versorgung und individuelle Zuwendung hinzugekauft werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Profession: wozu denn auch?\u00a0<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die gute Ausbildung und das Berufsethos der Gesundheitsfachpersonen f\u00fchren dazu, dass das Reservoir an qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften vergr\u00f6\u00dfert wird. Dennoch entstehen Parallelwelten, weil die strukturelle Personalknappheit eine Asymmetrie schafft, welche die Gesundheitswirtschaft st\u00e4rkt und die Gesundheitsberufe schw\u00e4cht.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die unvollendete Professionalisierung schafft f\u00fcr die Gesundheitsberufe eine doppelte Hypothek: in der gesundheitspolitischen Arena gelingt es nicht, einen ma\u00dfgeblichen Statusgewinn gegen\u00fcber der Medizin zu realisieren. Auf dem gesundheitswirtschaftlichen Parkett f\u00fchrt die \u201estrukturelle Minderwertigkeit\u201c zu ungen\u00fcgender Gestaltungsmacht. Die Professionals werden zwar individuell gesch\u00e4tzt f\u00fcr ihre Kompetenz, aber als Profession sind sie entbehrlich wie andere Berufe auch. Dies f\u00fchrt zu grunds\u00e4tzlichen Fragen: Braucht es in dieser industrialisierten Routineversorgung, die nur noch spezialisiertes Knowhow f\u00fcr bestimmte Funktionen ben\u00f6tigt, noch Professionen mit starren Berufsbildern und mehrj\u00e4hrigen Ausbildungen?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Weichenstellungen f\u00fcr die Mitgestaltung der digitalen Transformation&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus der pessimistischen Perspektive lassen sich weitere notwendige Reformschritte ableiten. Diese umfassen deutlich mehr als aktivistisches K\u00fcmmern um Fachkompetenz und professionellen Status \u2013 sie setzen beim realisierten Zugewinn an Kompetenz an und erweitern diese auf der Ebene des Gesundheitssystems, um dieses aus einer Position der Angebotsmacht mitzugestalten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weil die Industrialisierung l\u00e4uft und sich aus den genannten Gr\u00fcnden nicht aufhalten l\u00e4sst, muss das Interesse der Digitalisierung gelten. Da \u00f6ffnen sich aktuell Opportunit\u00e4tsfenster, in denen die Asymmetrien verringert und die Parallelwelten angen\u00e4hert werden k\u00f6nnen. Weil das Gesundheitswesen abh\u00e4ngig von qualitativ hochqualifizierten Fachpersonen ist, kann der \u00dcbergang von evidenzbasierten Therapien zu algorithmusbasierten Therapien mitgestaltet werden \u2013 vorausgesetzt die Fachpersonen sind auch f\u00e4hig, mit der Gesundheitswirtschaft einen Dialog auf Augenh\u00f6he zu f\u00fchren. Mit robusten Daten m\u00fcssen die komparativen Kosten und der Nutzen konventioneller und digitalisierter Methoden darlegt werden. F\u00fcr die Fachhochschulen bedeutet dies aber auch, dass der Fokus von der aktuell dominierenden Professions(rollen)forschung Richtung Versorgungsforschung, Evaluation und Organisationsentwicklung gelenkt wird.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Literatur&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dieterich, S. u. a. (Hrsg.): <\/em>Verbleibstudie der Absolventinnen und Absolventen der Modellstudieng\u00e4nge in Nordrhein-Westfalen (VAMOS) \u2013 Abschlussbericht. Bochum 2019.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>H\u00f6ppner, H.\/Richter, R. (Hrsg.): <\/em>Theorie und Modelle der Physiotherapie. Hogrefe. Bern 2018.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>H\u00f6ppner, H., Sottas B. <\/em>Entwicklung von Berufen im Gesundheitswesen: Bildungsinvestitionen im Spannungsfeld von Innovation und Tradition. In: Amelung, V. et al. (Hrsg.). Die Zukunft der Arbeit in der Gesundheitsversorgung: 249-262. Berlin 2020.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Kaufhold, M.\/Knigge-Demal, B.\/Makowsky, K. (Hrsg.): <\/em>Akademisierung und Professionalisierung in den Gesundheitsberufen: Einblicke in die Diskussion. INBVG FH Bielefeld. Bielefeld 2014.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>K\u00fchn, H.: <\/em>Industrialisierung der Medizin? Zum politisch\u00f6konomischen Kontext der Standardisierungstendenzen. In: Jahrbuch f\u00fcr Kritische Medizin und Gesundheitswissenschaften, Bd. 29 \u2013 Standardisierungen in der Medizin. S. 34\u201352. Hamburg 1998.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Pundt, J.\/K\u00e4lble, K<\/em>.<em>: <\/em>Gesundheitsberufe und gesundheitsberufliche Bildungskonzepte. Apollon University Press. Bremen 2015.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Pundt, J. u. a.: <\/em>Professionalisierung im Gesundheitswesen: Positionen &#8211; Potenziale &#8211; Perspektiven. Apollon. Bremen 2006.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Robert Bosch Stiftung (Hrsg.): <\/em>Gesundheitsberufe neu denken, Gesundheitsberufe neu regeln. Stuttgart 2013.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Sottas, B. <\/em>Blindflug in die eHealth-Welt? Bildungsdefizite machen Professionalisierungsbem\u00fchungen der Gesundheitsberufe zunichte. In: International Journal of Health Professions IJHP, Vol. 3, Issue 1: 8-15 2019 http:\/\/www.degruyter.com\/view\/j\/ijhp.2016.3.issue-1\/ijhp-2016-0002\/ijhp-2016-0002.xml?format=INT&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Susskind, R.\/Susskind D: <\/em>The Future of the Professions. How Technology will transform the Work of Human Experts. Oxford University Press. Oxford 2015.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Walkenhorst, U. <\/em>Akademisierung der therapeutischen Gesundheitsfachberufe \u2013 Chancen und Herausforderungen f\u00fcr Berufe im \u00dcbergang. bwp@Spezial 5:1\u201312. Online: https:\/\/www.bwpat.de\/content\/ht2011\/index.html. Hamburg 2011.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Weyland, U.\/Reiber, K (Hrsg.): <\/em>Entwicklungen und Perspektiven in den Gesundheitsberufen &#8211; aktuelle Handlungs- und Forschungsfelder. Bertelsmann. Bielefeld 2017. 6&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der vorliegende Beitrag basiert auf einem Beitrag im Sammelband von H\u00f6ppner H, K\u00fchnast P, Winkelmann C (Hg.). 2020. &#8222;Potentiale der Physiotherapie erkennen und nutzen \u2013 Von der Kompetenz zur Performanz in der Gesundheitsversorgung&#8220;. Heidelberg: medhochzwei Verlag. S. 71-78&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kontakt:&nbsp;<\/strong>Dr. Beat Sottas, sottas formative works, Versorgungsforschung &amp; Bildung, 1722 Bourguillon Tel. +41 79 285 91 77 sottas@formative-works.ch www.formative-works.ch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gesundheitsfachleute mit Bachelorabschluss k\u00f6nnen immer mehr und \u00fcbernehmen immer mehr Verantwortung in der komplexer werdenden Versorgung. Ihr Status bleibt aber gleich: schlecht bezahlt und mit wenig autonomem Handlungsspielraum ausgestattet. 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